Journalisten-Workshop – Moderieren ohne Publikum

SA-TIERE. Den Weg hin zur kompletten Individualisierung geht man nun auch innerhalb der deutschsprachigen Journalistenausbildung. „Wir sind die ersten, das ist kein Trend aus den USA. Vor Publikum reden und dieses begeistern können viele, nur mit sich selbst reden, sich dabei selbst zu überraschen und zu begeistern, das ist die hohe Kunst des Sprechens“, so Kursleiter Hans Oloh.

„Selbstdarstellung vor anderen war nie das Problem“

Viele junge und auch einige alte Journalisten haben durch viele Kurse kein Problem damit, sich vor ein Publikum zu stellen, Reden zu halten, zu moderieren, witzig zu sein und die allgemeine Begeisterung durch einen langen Applaus auszukosten. „Selbstdarstellung im Kreise von vielen Menschen war eigentlich noch nie das Problem von Journalisten“, so Hannelore von Elster, Chefin des renommierten Journalisten-Kolleg Hannebüchen.

Die Last des Clowns

Aber die Journalisten plagt oft dieselbe Last wie die Clowns – öffentlich eine Rampensau, übersprudelnd vor Humor, privat allerdings hoch depressiv. Viele leiden beim morgendlichen Anblick im Spiegel Höllenqualen. „Und das lag nicht nur an dem, was ich jeden Tag für einen Scheiß schreiben muss. Ich konnte mich einfach nicht mehr für meinen Job begeistern. Gründe dafür gab es viele – Unterbezahlung, Lifestyle- und Promi-Themen ‘recherchieren’, oft drei bis vier Geschichten an einem Tag recherchieren schreiben, dabei ungenau und schlampig arbeiten müssen und vieles Mehr“, so Journalist Achim Rüdiger, der anonym bleiben will.

„Das hat nun alles ein Ende“ – Moderieren ohne Publikum

„Wir wissen um die Selbstzweifel der Journalisten. Deswegen bieten wir nun den Workshop ‘Moderieren ohne Publikum’ an. Hier lernt der Journalist, sich selbst anzusprechen, wieder über sich selbst zu lachen und seine hohen journalistischen Ansprüche nicht mehr allzu ernst zu nehmen“, so Hannelore von Elster. Mit Leitsprüchen wie „Alles ist eine Nachricht, wirklich alles, und Privatsphäre kenne ich nur meine“, „Ich entscheide, wer was wann wo und wie liest, hört oder sieht“, „Wer muss schon angemessen bezahlt werden, wenn er bei Pressekonferenzen ohnehin gratis essen und trinken kann“, „Wikipedia und Google kopieren ist auch Recherche“, „Nackte Brüste sind besser als nackte Tatsachen“, „Wer Politiker die angenehmsten Fragen stellt, bekommt die meisten exklusiven Homestories“ oder auch „Schamgefühl ist nur ein Versuch, meine gerechtfertigten Spekulationen zu unterdrücken“ sollen sich die Journalisten den Arbeitsalltag erleichtern und sich wieder als produktive Mitglieder der Verlagswelt eingliedern.

Foto: CC0 Public Domain

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